Und sag zum Abschied leise
Freitag, den 21. Oktober 2011 um 16:14 Uhr

Die letzten Wochen verliefen ruhig. Nachdem ich Konrads Baupläne mit einem entschiedenen, aber immer noch freundlichen „Nein danke!“ vom Küchentisch gefegt hatte, suchte ich erneut das Gespräch.

„Liebling“, fing ich rührselig an, in der naiven Hoffnung, dass ein Kosewort an Satzanfang mein Gegenüber von der Aufrichtigkeit meiner Gefühle überzeugen konnte, „es ist nicht so, dass ich nie Kinder will. Aber jetzt gerade ist es ein bisschen ungünstig.“

Konrad saß neben mir im Bett, sein Kopf knickte wie bei einer welken Blume traurig nach unten. Er schwieg. Ich nutzte die Gunst seines Schweigens und fuhr fort. „Und ja, ich kann mir vorstellen, mich mit dir wild zu vervielfältigen, aber die Rahmenbedingungen sind grade nicht passend.“

„Und wenn wir sie passend machen?“ Konrad sah auf und mich mit diesem Blick an, bei dem sich Beton sofort zu einer cremigen, lockerleichten, streichfähigen Masse verflüssigte. Mein Herz zerfloss, seine Bestandteile tropften mir schwer in die Eingeweide.

„Wir können die Rahmenbedingungen anpassen. Aber nach und nach. Nicht so – hau ruck! Es kommt mir gerade alles so kopflos vor, so unüberlegt. Lass uns warten und den anderen dabei zuschauen, wie sie Babys machen, ok?“

Konrad nickte noch einmal, dann seufzte er und kuschelte sich ganz dicht an mich ran. Er flüsterte. „Liebling, ich möchte dich etwas fragen.“ Ich machte mich auf das Schlimmste gefasst. Jetzt BITTE kein Heiratsantrag! „Wie lange möchtest du diesen Blog eigentlich noch führen? Ich meine, ich freue mich, dass du damit so viel Erfolg hast, aber meinst du nicht auch, dass es schön wäre, wenn einem nicht ständig jemand ins eigene Wohnzimmer guckt?“

Mein erster Impuls: aufstehen, Sachen anziehen, abhauen. Das durfte ja wohl nicht wahr sein! Konrad wollte mir meinen Blog wegnehmen? Mir blieb die Spucke weg.

„Kommt nicht infrage!“, gab ich dementsprechend zurück und wusste gleichzeitig, dass Konrad aussprach, was ich schon öfter mal gedacht hatte.

Konrad seufzte. „Manchmal würde ich mir wünschen, du würdest deine Probleme mit mir besprechen und nicht mit dem Internet.“

Ich musste schlucken. Und mein Widerstand bröselte dahin. Quid pro quo. Ich hatte gewusst, dass dieser Moment kommen würde. Ich hatte ihn erwartet, befürchtet und an manchen Tagen sogar herbeigesehnt. Wenn man über sich, seine Liebe und sein Leben schreibt, verliert man den Bezug zur Wirklichkeit. Ich erlebe Situationen und frage mich im selben Augenblick, wie ich sie ein paar Stunden später durch meinen sprachlichen Reißwolf drehen kann. Ich treffe Menschen und frage mich, ob sie mir krummnehmen, wenn ich über sie schreibe. Ich denke über mich nach und suche gleichzeitig eine passende Titelüberschrift. Manchmal träume ich von einem Leben ohne Buchstaben.

„Könntest du dir vorstellen, diese Beziehung mit mir, und ich meine: nur mit mir zu führen, in den kommenden, sagen wir, 30 bis 50 Jahren?“

Ich wusste, dies war der Augenblick. Man soll ja aufhören, wenn es am schönsten ist. Die besten Bands trennen sich früh und ersparen sich ein Schicksal auf Kleinkunstbühnen. Sonst enden sie wie Fools Garden, die in die Musikgeschichte als die Band mit dem Lemon Tree und Dauergast in Oli Geissens diesmal wirklich absolut ultimativen Chartshow der 90er eingehen werden. Und ich will nicht wie Fools Garden werden. Lieber wie die Beatles.

Alleine würde ich den Ausstieg wohl nicht schaffen, deswegen nehme ich Konrads helfende Hand dankbar an, drücke die Schultern nach hinten und atme ganz tief aus: Danke fürs Lesen, fürs Mitfiebern und Mitdenken.

Ihr werdet mich nicht los werden, aber ich muss ein Schrittchen vom Bühnenrand zurücktreten, um nicht irgendwann das Gleichgewicht zu verlieren und umzukippen. Konrad will mich und ich will Konrad, und diese zwei Grundvoraussetzungen sind doch schon mal eine ganze Menge wert.

Danke fürs Zuhören. Pfiat euch.

Allgemeines  
Family Affairs
Mittwoch, den 21. September 2011 um 12:35 Uhr

Tags: September

Mein Umfeld drückt für meinen Geschmack in den letzten Tagen den Knopf „fast forward“ der Zeitmaschine ein bisschen zu lange und ausdauernd. Was ist hier eigentlich los? Ich fühle mich zunehmend wie der Nerd der Stufe, der nicht auf die geilste Klassenparty des Jahres eingeladen wurde. Oder eingeladen wurde, aber nicht kommen will.

Habe ich was verpasst? Habe ich einen entscheidenden Entwicklungsschritt ausgelassen? Die Einschläge rücken näher. Erst Mona, dann die Mädels, und jetzt haut Konrad in dieselbe Kerbe.

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Allgemeines  
Planst du noch oder wohnst du schon?
Montag, den 19. September 2011 um 21:17 Uhr

Tags: September

Heute kam Konrad mit ein paar großen Rollen Papier unter dem Arm nach Hause.

„Ich habe alles genau durchkalkuliert. Das ist UNSER Projekt!“

Zögernd kam ich aus meinem Arbeitszimmer, blieb in den Türrahmen gelehnt stehen, verschränkte die Arme vor der Brust. „Unser Projekt?“ Wurde das Ziel, Juli schwanger zu kriegen, jetzt schon zu einem Projekt ausgerufen? Eine öffentliche Ausschreibung? Während ich damit beschäftigt war, die Pille so regelmäßig und nach Minutenvorgabe genau einzunehmen und den Beischlaf vorerst – sicherheitshalber – einzustellen, machte mein Freund ein Semesterprojekt daraus?

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Krümel  
Miss Undercover
Donnerstag, den 15. September 2011 um 09:03 Uhr

Tags: September

Konrad ist komisch. Seit letztem Montag, an dem ich mich erst übergeben, dann sehr glaubwürdig versichert habe, dass das nur ein leicht verstimmter Magen war, behandelt er mich wie ein rohes Ei.

„Den Wasserkasten lass mal stehen“, ruft er mir im Flur zu, ich darf mich nicht bücken, nicht zu hastig aufstehen, nicht zu wenig essen und das Rauchen will er mir auch verbieten.

„Ich bin nicht schwanger!“, schreie ich mittlerweile jeden Morgen als eine Art Mantra in sein Ohr. Letzte Nacht habe ich ihn sogar geweckt, wie die es immer mit den Agenten in den amerikanischen Thrillern von John le Carré und Frederick Forsyth, die während ihrer Ausbildung nachts aus dem Schlaf gerissen werden und dann wie aus der Pistole schießen müssen: „Mein Name ist Steve Miller. Ich bin Investment Banker und lebe in Springfield, Massachusetts.“

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Allgemeines  
Bereit, wenn Sie es sind
Montag, den 12. September 2011 um 20:51 Uhr

Tags: September

„Ha-- ha--hatschi!“ Mein Körper erzitterte unter der Wucht des Niesens. Konrad legte mir die Hand auf die Stirn.

„Meine Fresse, dich hat’s ja wirklich erwischt.“

Ich schob mir ein weiteres Taschentuch in die Nase und wartete auf die nächste Eruption. Mein Freund wedelte mit einem Suppenlöffel. „Du musst was essen, Süße.“

Mir war nicht nach essen. Und sowieso nach nichts. Ich wollte einfach hier liegen bleiben und vergessen werden. Na ja, nicht ganz. Aber zumindest, bis sich meine Nase wieder auf normalmenschliche Größe reduziert hatte und nicht mehr knallrot in meinem Gesicht pulsierte.

„Ist nur ne Erkältung“, keuchte ich nasal.

Konrad guckte mich skeptisch an. „Sicher?“

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Allgemeines  
Privater Fernverkehr
Freitag, den 09. September 2011 um 14:57 Uhr

Tags: September

Mist. Meine Pille war leer.

Ich musste wohl doch aus dem Haus, ohne schwanger zu sein, oder vielmehr: um nicht schwanger zu werden. Nach einer halben Stunde in der telefonischen Warteschleife beim Frauenarzt setzte ich meine gesetzlichen Ansprüche als Kassenpatientin dann aber doch noch durch. Ich ging zur Praxis, bezahlte meine zehn Euro Eintrittsticket und ließ mir ein Rezept ausstellen.

„Wollen wir auch gleich einen Termin wegen der nächsten Vorsorgeuntersuchung machen?“, lächelte mich die rotbäckige Sprechstundenhilfe milde an. Als ich statt einer Antwort nur die Augenbrauen in die Höhe zog, setzte sie nach: „Sie sind in einem Alter---“

Ich verließ die Praxis, bevor sie ausgesprochen hatte, und ging zur nächstgelegenen Apotheke.

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Krümel  
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